Reinhold Mahatma tusk Skladanowsky-Witte: Geschichte unseres Stammesnamens
Am 1. September 2000 bestimmten wir auf einer Stammesversammlung unseren Stammesnamen. Bis dato hießen wir ja nur "Stamm Berlin-Pankow". Wie kamen wir denn nun auf "Otto Witte"?
Hannes, Philipp und Hans hatten schon etwas vorgearbeitet und versucht, mehr über Pankower Helden herauszufinden, deren Name unseren Stamm zieren könnte. Leider scheint Pankow nicht von Widerstandskämpfern im Dritten Reich durchsetzt gewesen zu sein - die üblichen Verdächtigen, wenn ein VCP-Stamm sich einen Namen gibt -, genauso wie wir wenig über andere bedeutsame Lokalgrößen herausfinden konnten. In Erwägung immerhin zogen wir Reinhold Burger, laut Inschrift auf seinem Grabstein auf dem Städtischen Friedhof Pankow Ertüftler der Thermoskanne. Die Gebrüder Skladanowsky gelten als die Erfinder des bewegten Bildes (erste "Kino"-Vorführung 1895 in Berlin) und hatten ihre Bastelwerkstatt in Pankow. Aber irgendwie suchten wir ja auch nach einem leuchtenden Vorbild für die Jugend, weswegen wir lange mit Erich Kästner liebäugelten. Der nach Astrid Lindgren wahrscheinlich zweitbeste Kinderbuchautor ever (persönliche Einschätzung) kam zwar aus Dresden, seine Hauptwirkungsstätte war jedoch Berlin, wenn auch dort Charlottenburg, und nicht Pankow. Hannes und Hans gefiel besonders Kästners Arbeitsstil: Er pflegte erst am späten Nachmittag aufzustehen, seine Korrespondenz in einem Café zu erledigen, bis die ersten seiner Künstlerfreunde dort auftauchten, anschließend führte er Diskussionen über Gott und die Welt, solange, bis die Freunde wieder gegangen waren - und dann begann er, seinen Gedichte, Romane und Zeitungsartikel zu schreiben, also so gegen fünf Uhr morgens. Schlussendlich war uns der Lokalbezug zu Kästner zu gering, weswegen er nicht erste Wahl war.
Wenigstens etwas mehr an solchem Lokalbezug konnte dagegen Otto Witte aufweisen: Der eigentlich 1872 in Düsseldorf geborene Sohn eines Schaustellers war ein Spinner und Hansdampf in allen Gassen, dass es eine Freunde war. 1913 ließ er sich in türkischen Kriegswirren unberechtigterweise zum König von Albanien krönen - eine Köpenickiade, die nach schon fünf Tagen aufflog, so dass er fliehen musste. In der Weimarer Republik gründete er die "Partei für den Mittelstand, die Bauern, Kleinhändler und Schausteller" (im Rheinland und in Hessen), der aber keine überragenden Stimmenanteile im Reichstag zukam. Im Dritten Reich schlug er sich als Schwertschlucker durch, um nach dem Krieg in Berlin-Pankow (!) eine Abdeckerei zu betreiben. Gestorben und begraben ist er 1958 in Hamburg - keine Ahnung, wie er da wieder hingekommen ist. Gut, mit dem Vorbild für die Jugend ist es vielleicht so eine Sache, aber was uns an OW so gut gefiel, war seine nicht zu bestreitende Chaoskompetenz, sein Tausendsassa-Talent. Davon können wir auch 'ne Menge im Stamm brauchen, dachten wir uns, gerade hier im rockigen Osten. Die Anregung zu Otto Witte kam übrigens von Hans' Mama, Elfriede Jung.
Wenn auch nur kurz war Eberhard Koebel (tusk) im Gespräch, der immerhin in der Nachbarstraße zum Gemeindehaus wohnte und die "grauen division" (vorläufer der dj 1.11, einer der ersten bündischen Gruppen in Deutschland) gegründet hatte. Weiterhin hat er quasi die Kohte erfunden und nach dem Krieg er unter Ulbricht die FDJ gegründet.
Während der Schwedenfahrt im Sommer 2000 bildeten sich noch zwei andere Namensalternativen heraus: Zum einen "Hakan Gürka", der Name eines billigen, jedoch nicht unschmackhaften schwedischen Brotaufstriches aus sauren Gurken; zum anderen "Henning" nach Henning Lampe, einem verdienten VCPer aus Cloppenburg, der durch seine Ruhe und Besonnenheit und die Fähigkeit, für alle Probleme eine Lösung zu wissen, uns Pankowern das Großlager um Einiges stressfreier gestalten konnte.
Am Abend der Aktion 25 + X wurden nun all diese Namen und mehr genannt. Auch der indische Friedensfürst Mahatma Ghandi wurde noch ins Rennen geschickt, aber wahrscheinlich war uns das dann zu gewollt toll.
Jedenfalls waren wir sehr basisdemokratisch, alle durften Vorschläge machen (auch solche, die zum ersten mal da waren), und bei der eigentlichen Abstimmung schrammten wir dann auch gefährlich knapp an "Hakan Gürka" vorbei. Vor dem letzten Wahlgang - im vorigen hatten noch Hakan Gürka, Erich Kästner und Otto Witte in dieser Reihenfolge überlebt, mit deutlichem Übergewicht auf erstem Vorschlag - musste Hannes noch mal darauf aufmerksam machen, dass so ein Stammesname für immer halten muss und möglichst nicht nur eine Laune widerspiegeln soll. Hakan Gürka fiel also durch, und am Ende wurde es mehr oder weniger überraschend Otto Witte. Als das Ergebnis klar war, herrschte einige Augenblicke Schweigen - das hatte irgendwie auch keiner gewollt.
Der Vorbehalt währte nicht lange. Ich bin sicher, dass wir im Stamm alle stolz sind, in Otto Wittes Fußstapfen getreten zu sein. Hannes' Argument für Otto Witte war auch, jemanden zu haben, bei dem man nicht nur stumpf in ein Museum geht, um mehr über die Person herauszufinden, sondern bei der man sich aktiv an der Spurensuche beteiligen kann - und das erleben wir gerade.
Mittlerweile sind auch einige Rechercheprojekte angeschoben worden, in denen wir versuchen, noch mehr über unseren Namenspatronen herauszufinden. Stichworte: Stadtchronik Pankow; Söhne und Töchter Wittes, die ihrerseits auch gerne Mal Schlagzeilen machen oder die uns nach Informationen fragen.
Otto Witte ist tot - lange lebe der Stamm Otto Witte!
Hans